13.09.2021

Nachhaltig Verhalten ändern

Wer hat den "Honeymoon-Effekt" bei Trainings schon einmal erlebt?

Ich kenne ihn sehr gut, vor allem aus jüngeren Jahren. 

Er bezeichnet das Phänomen, dass nach Seminaren oder Workshops eine kurzfristige Verbesserung eintritt. Diese lässt aber rasch wieder nach, womit wir wieder am Anfangspunkt stehen. 

Zeit und Geld sind relativ sinnfrei investiert worden - was funktioniert besser?

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Im Webinar "Krisenmodus" ist die Frage mehrmals aufgetaucht, was gute Wege sind um neue Impulse längerfristig zu verinnerlichen und dadurch auch eigenes Verhalten zu verändern. Gerade für Personen, die an ihrer Resilienz arbeiten oder daran bestehende Muster (etwas durch De-Biasing) zu verändern, ist dies entscheidend.

Es gilt also den "Honeymoon-Effekt" möglichst gering zu halten.


Was funktioniert nicht? 

Unser bewusstes Denken ("System 2") lässt sich schnell von quick fixes, Selbsthilfe-Kurzvideos oder guten Anekdoten überzeugen - auf kognitiver Ebene verstehen wir rasch, was Lösungen für unsere Themen sein können. Leider funktionieren einfache Schritt-für-Schritt Anleitungen zwar gut um etwa ein Ikea-Regal zusammen zu bauen (zumindest meistens…), aber nicht um tief verwurzelte Verhaltensmuster umzuändern.


Was funktioniert dann besser?

Die Gehirnforschung und die Verhaltensforschung zeigen uns, dass wir Geduld brauchen. 

Unsere Muster sind tief in uns verankert und sind wesentlich weniger flexibel als unser bewusstes, analytisches Denken. Unser Gehirn hat über die Jahre gelernt Informationen zu filtern (beeinflusst die Wahrnehmung) und erzeugt Emotionen und blitzschnelle Reaktionen - alles Elemente, die bereits früh in unserem Leben geprägt werden (unser individuelles "Script") und unbewusst aktiv sind.

Das bedeutet, dass "Re-Scripting" mehr Zeit und Fokus braucht (leider).

Im bewussten Denken fällt es sehr leicht mir eine rote Blume und dann eine gelbe vorzustellen. Im unbewussten Teil kann ich meine Reaktionen auf externe Reize, die ich lang zuvor gelernt habe, nicht sofort abstellen. Kurz: wenn ein bestimmtes Muster geschaffen wurde, braucht es ein neues Muster um es zu ändern.


Wie geht das?

Je besser die eigene Selbstwahrnehmung (etwa der Emotionen, des Kontextes dabei und der jeweiligen Reaktionsmuster) und je höher die Bereitschaft sich auf sich selbst einzulassen sind, desto einfacher fällt der Start aus. Ich bemerke dies regelmäßig in De-Biasing Workshops, wenn "der Knopf aufgeht" und den Teilnehmenden unbewusste Mechanismen klarer werden (z.B. die Anfälligkeit für den Bestätigungsfehler).

Der nächste Schritt stellt eine bewusste Entscheidung dar, was man eigentlich anders machen möchte (z.B. den Bestätigungsfehler reduzieren, weil er zu einer engen Denke beiträgt). 

Neben Fokus und Motivation empfiehlt sich viele kleinere Schritte zu machen anstatt zu große Ziele anzupeilen. Beispiel: ich verstehe aufgrund gesteigerter Selbstwahrnehmung die Situationen besser, bei denen ich in den Bestätigungsfehler kippe - wenn der Kontext wieder zutrifft (z.B. ich suche gerne bestätigende Informationen für meine Lieblingsidee und keine widersprechenden), baue ich mir bewusst eine kleine Nachdenkpause ein und überlege mir Alternativen in dieser konkreten Situation, bevor ich weitermache. 

Zentral sind hier Wiederholungen und regelmäßiges Feedback (eigenes bzw. besser noch von anderen), um hier neue Muster Schritt für Schritt zu verankern und um neue Routinen zu entwickeln.


Der Vorteil? 

Es braucht mehr Zeit neue Muster zu erlernen,  diese sind dafür dauerhafter - erfolgreiches Re-Scripting bleibt als neuer "Standard" bestehen. Es ist ähnlich wie bei körperlichem Training, das regelmäßig, nicht zu intensiv und punktgenau wirkt und so die gewünschten Ergebnisse bringt. Der Weg führt daher von bewussterer Wahrnehmung hin zu mehr Selbststeuerung.

Ich wende diesen Ansatz aktiv an - selbst, aber auch in Workshops und Webinaren (z.B. in den verschiedenen De-Biasing Formaten). Dies trägt dazu bei wirkliche Verbesserungen umzusetzen und den "Honeymoon-Effekt" zu umschiffen.

Die Reise dauert manchmal länger, als wir wollen - es gibt aber dadurch auch mehr zu entdecken!